Wie viel Freiheit brauchen Kinder? Über die Selbstbestimmung von Kinder

Selbstbestimmte Kindheit. Was bedeutet denn das überhaupt? Darf das Kind da alles bestimmen? Gibt es überhaupt keine Regeln? Wie soll das denn funktionieren? Das ist doch verantwortungslos! Ein Kind braucht doch Vorgaben von den Erwachsenen, oder? Über Selbstbestimmung von Kinder, Fremdbestimmung, Co-Regulierung, Adultismus und Selbstregulierung.
Beitragsbild Selbstbestimmte Kindheit

Selbstbestimmte Kindheit. Wie soll das aussehen? Wir sind doch die Erwachsenen, wir haben mehr Weitblick, Erfahrung und haben schließlich das Sagen! Wo kommen wir denn dahin, wenn wir die Kinder diese Freiheit lassen?

Selbstbestimmtheit. Ein starkes Wort. Selbst bestimmen über sein Leben. Ja, das wollen wir Menschen, schließlich streben wir stets nach Eigenständigkeit und Unabhängigkeit. Doch sollen wir bereits kleine Kinder selbst bestimmen lassen über ihr Leben?

Schauen wir uns dieses Thema näher an.

Was bedeutet Selbstbestimmung?

Selbstbestimmte Kindheit

Selbstbestimmung steht dafür, dass jeder Mensch Entscheidungen über sein Leben selbst trifft und über die Entfaltung seiner Persönlichkeit selbst bestimmt. Jeder Mensch hat ein Recht auf Selbstbestimmung und da Kinder Menschen sind, haben sie dies ebenso.

Das bedeutet nicht, dass ein Kind alles tun und lassen kann, was es will. Auch wir Erwachsene können das nicht. Doch was bedeutet es, wenn Eltern sagen, sie ermöglichen ihrem Kind eine selbstbestimmte Kindheit, eine freie Kindheit? Dazu erst noch einige Worte zur Fremdbestimmung.

Was bedeutet Fremdbestimmung?

Fremdbestimmt leben heißt, dass selbstständige Entscheidungen über das eigene Leben nicht möglich sind, sondern diese von einem oder mehreren anderen Menschen getroffen werden. Fremdbestimmung ist logischerweise das Gegenstück zur Selbstbestimmung.

Die meisten erwachsenen Menschen halten es für wichtig, Freiheit zu haben, selbst bestimmen zu können über ihren Körper, ihrer Bedürfniserfüllung, ihren Verhaltensweisen und Entscheidungen, die sie selbst betreffen. Sie wünschen sich von anderen Menschen toleriert und angenommen zu werden so wie sie sind. Doch warum meinen erwachsene Menschen, dass dies nicht für Kinder gilt? Die Antwort ist: Es liegt an verinnerlichten Überzeugungen sowie Ängsten in Verbindung mit adultistischen Denkweisen.

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Überzeugungen und Ängste

Selbstbestimmte Kindheit

Verinnerlichte veraltete Überzeugungen (meist aus der eigenen Kindheit) und unbearbeitete Ängste können fremdbestimmen im Leben. Zudem rechtfertigen die meisten Erwachsenen genau mit diesen „Argumenten“ die Fremdbestimmung gegenüber Kindern. Beispiele dafür sind folgende Aussagen:

  • „Ohne Mütze im Winter rausgehen, das geht nicht. Da wirst du krank!“
  • „Vom Barfuß laufen bekommst du Blasenentzündung!“
  • „Süßes und Medien machen krank und süchtig!“
  • „Kinder brauchen mindestens 12 h Schlaf, ansonsten hängen sie am nächsten Tag durch!“
  • „Vor dem Rausgehen musst du noch mal aufs Klo gehen.“
  • Und so weiter.

Ein weiterer bedeutender Punkt ist das bereits aufgegriffene Thema Adultismus.

Adultismus im Alltag

Adultismus ist die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Alters. In der Erwachsenen-Kind-Beziehung alltäglich und deshalb als völlig normal angesehen. Das Bewusstsein dafür fehlt leider (noch) weitestgehend in der Gesellschaft. Verstärkt wird dies durch die Tatsache, dass Kinder definitiv im Machtverhältnis unter Erwachsenen stehen und ganz natürlicherweise von ihnen abhängig sind.

Viele erwachsene Menschen sind der Meinung, dass Kinder noch viel zu jung sind, um Entscheidungen selbst treffen zu können. Kinder sollen am besten widerstandslos der Richtung folgen, die die Eltern bzw. Bezugspersonen vorgeben. Dabei kommen verschiedenste erzieherische Methoden zum Einsatz. Weit verbreitet sind die typischen „Wenn-Dann“-Sätze, die entweder mit Androhung von bestimmten Strafen einhergehen oder dabei Belohnungen in Aussicht gestellt werden.

Bewusste Entscheidung dagegen

Glücklicherweise sind es immer mehr Eltern bzw. Menschen, die andere Wege suchen und sich mit diesen Themen kritisch auseinandersetzen. Die diese weitverbreiteten Überzeugungen, die durch die eigenen Erfahrungen der Kindheit tief ins Unterbewusstsein eingepflanzt wurden, hinterfragen. Erwachsene, die an sich selbst wachsen, sich weiterentwickeln und bewusst gegen Adultismus und den destruktiven Erziehungsweisen entscheiden. Und die Stimme der Kinder ernst nehmen und respektieren. Du gehörst übrigens mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit dazu, sonst würdest du schließlich diesen Artikel nicht lesen.

Selbstbestimmte Kindheit im Zusammenhang mit Verantwortung & Vertrauen

Selbstbestimmte Kindheit

Was bedeutet es nun, wenn Eltern meinen, ihren Kindern eine selbstbestimmte Kindheit zu ermöglichen? Es gibt viele Erwachsene, die genau folgendes denken:

„Kinder selbstbestimmt aufwachsen lassen? Das ist unverantwortlich von den Eltern!“

Wer Selbstbestimmung mit Verantwortungslosigkeit in Verbindung bringt, der irrt. Kinder selbstbestimmt aufwachsen lassen, bedeutet nicht, dass Eltern sich komplett aus ihrer Verantwortung entziehen und alle Entscheidungen dem Kind auflasten. Das wäre einerseits der laissez faire Erziehungsstil und andererseits die Parentifizierung von Kindern. Beides wirkt sich negativ auf die kindliche Entwicklung aus.

Bei der selbstbestimmten Kindheit geht es darum, dass Eltern bzw. Bezugspersonen Verantwortung übernehmen für sich und dem Kind. Es bedeutet, dass die Erwachsenen entsprechend verantwortungsbewusst handeln und sich bewusst für eine respektvolle Beziehung zum Kind entscheiden. Dem Kind Vertrauen entgegenbringen und das Recht auf Selbstbestimmung wahren, dem Kind den selbstbestimmten Weg ermöglichen. Gleichzeitig Situationen einschätzen und ihre Handlungsweise abwägen, das Kind begleiten und co-regulieren.

Die Selbstregulation von Kindern

Selbstbestimmung ist auch nicht gleichzusetzen mit Selbstregulation!

Da das häufiger miteinander verwechselt wird, einige Worte dazu.

Selbstregulation ist die Fähigkeit, sich selbst kontrollieren zu können, auch in emotional schwierigen Situationen. Dazu zählen der Umgang mit den eigenen Impulsen, Gefühlen und Stimmungen sowie Handlungen und der Ausrichtung der Aufmerksamkeit. Die Selbstregulation ist weiter ein wichtiger Part der Ausbildung von Resilienz, der Fähigkeit, mit schwierigen Situationen gut umgehen zu können.

Ein Kind muss die Selbstregulation erst erlernen und dazu braucht es einfühlsame Erwachsene, eine sichere Bindungsbeziehung und die respektvolle Begleitung. So lernt das Kind sich selbst besser kennen und nach und nach mit überwältigenden Gefühlen umzugehen. Es entwickelt Stressbewältigungsstrategien und die Fähigkeit zur Selbstregulation sowie Resilienz stärken sich.

Letztlich ist die Ausbildung von Selbstregulation eine wichtige Voraussetzung für die Selbstbestimmung. Selbstregulation bildet sich allerdings nicht in allen Bereichen gleichzeitig und im gleichen Maße aus. Dadurch kann es sein, dass ein Kind in manchen Bereichen sich bereits hervorragend selbst regulieren kann und in anderen Bereichen dies eben nicht der Fall ist. Auch ist damit zu rechnen, dass in manchen Situationen die Selbstregulation plötzlich durch äußere Umstände nicht mehr so gut gelingt wie sonst.

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Selbstbestimmung braucht Erfahrungen

Um selbst bestimmen zu können, braucht es ebenfalls Erfahrung. Und ja, Kinder haben nicht die Erfahrungen wie wir Erwachsene, können manche Dinge nicht in dem Maße überblicken wie wir und verstehen in jungen Jahren auch einige Zusammenhänge und Gegebenheiten noch nicht. Das stimmt! Doch rechtfertigt das die (übergriffige) Fremdbestimmung der Erwachsenen? Nein!

Wie fühlt sich ein Kind, was fremdbestimmt wird? Stell dir vor, du bist einem anderen Menschen komplett ausgeliefert, musst das tun, was dieser Mensch dir auferlegt und hast keine Chance, selbstverantwortlich handeln zu können?

Kinder brauchen Erwachsene, die einerseits als Ansprechpartner zur Seite stehen und andererseits die Möglichkeiten geben, damit das Kind selbst Erfahrungen sammeln kann. Denn woher will denn das Kind beispielsweise wissen, dass Minusgrade kalt sind, wenn es diese Erfahrung nie machen darf? Oder, dass es schneller abends wird, die Sonne untergeht und ein Spielplatzbesuch nicht mehr drin ist, wenn es den Film noch unbedingt zu Ende schauen will? Wie soll ein Kind im späteren Alter Entscheidungen selbstbestimmt und selbstverantwortlich treffen können, wenn es dies nie durfte? Es kennt schließlich nur die Fremdbestimmung der Erwachsenen.

Außerdem entwickelt ein Kind, was stets fremdbestimmt wird, besonders über Bereiche, die es direkt selbst betrifft, keine gesunde Körperwahrnehmung. Es wird ebenfalls anfälliger sein für Übergriffigkeiten von anderen Menschen, auch im späteren Alter. Deswegen halte ich es für sehr wichtig, die kindlichen Bedürfnisäußerungen, die Wünsche in Bezug auf den eigenen Körper und besonders das Nein des Kindes zu respektieren. Dazu braucht es eine Haltung, das Kind als gleichwürdig ansieht.

Auf der anderen Seite, ist es ebenfalls wichtig, dass das Kind die Erfahrung machen kann, was es bedeutet, trotz Unlust gewisse Dinge zu tun. Versteh mich bitte hier nicht falsch, ich halte absolut nichts von Zwang! Ich meine damit eher die Gefühle von Stolz und Freude, wenn das Kind eine Tätigkeit, die anfänglich langweilig oder „zu schwer“ erschien, dann mit etwas Motivation doch gemacht hat. Vielleicht kennst du das auch von dir selbst, dass du ab und an einen Anstubser brauchst und hinterher bemerkst du, dass es sogar richtig Spaß machen kann, seine Gewohnheiten zu durchbrechen und Neues zu entdecken.

Co-Regulierung, was ist das?

Je nach Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten des Kindes und den Umständen der jeweiligen Situation, ist die Co-Regulation der Erwachsenen gefragt. Die Co-Regulation ist jedoch nicht gleichzusetzen mit der Fremdregulation, der Fremdbestimmung. Es ist kein „über das Kind hinweg entscheiden“, sondern ein „mit dem Kind einen Weg finden“. Dazu braucht es Offenheit und Flexibilität, Neugierde und Experimentierfreude, Kommunikation und Begleitung.

Schließlich will ich noch anmerken, dass es in manchen Momenten definitiv auch ein aktives Eingreifen braucht. Beispielsweise wenn eine ernsthafte Gefahr besteht für das Kind selbst oder andere Menschen. Das sollte allerdings jedem klar sein, dass ich beispielsweise ein Kind nicht mit dem Hammer im Trampolin hüpfen oder bei Rot über die Ampel rennen lasse.

Bild Selbstbestimmung Kindheit

Selbstbestimmte Kindheit: Was du dir mitnehmen kannst?

Setz dich mit deinen Ängsten und verinnerlichten Überzeugungen näher auseinander. Erkenne an, dass du nicht immer im Recht bist, nur weil du erwachsen bist. Damit ist ein riesiger Schritt getan.

Im nächsten Schritt geht es darum, dass du dir klar machst: Du bist immer in der machtvolleren Position. Entscheide dich bewusst dafür, diese Macht nicht zu nutzen, um über dein Kind zu bestimmen. Finde friedliche Wege, die ihr gemeinsam gehen könnt, besonders in Konfliktsituationen.

Und drittens: Dein Kind ist kompetent, du darfst ihm vertrauen. Gleichzeitig darfst und musst du Verantwortung tragen. Das bedeutet unter anderem in diesem Zusammenhang, dass du deinem Kind genug Raum zur Selbstentfaltung, Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit gibst UND dabei begleitest. Stärke sein Körpergefühl, achte auf die Bedürfnisse, sei da, wenn es dich braucht, erkenne, wann es dich braucht und handle entsprechend.

Mehr Inspiration für den Alltag findest du in der PDF „Selbstbestimmte Kindheit in der Praxis. Diese ist im kostenfreien NaturFamilie-Mitgliederbereich zu finden. Melde dich dazu jetzt an!

Oder magst du weiterlesen? Dann schau gern in die Artikel „Frei sein, ein Traum oder Wirklichkeit?“ und „Ständig Streit mit Kind? 3 Schritte wie du Konflikte mit Kinder friedlich lösen kannst“ rein.

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Alles Liebe

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