Was ist bedürfnisorientierte und bindungsorientierte Erziehung?

Bindungs-, bedürfnis- und beziehungsorientierte "Erziehung", Attachment Parenting, Beziehung statt Erziehung - Definitionen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede
NaturFamilie Chris & Julia Schmiedel, © Copyright 2020 – Urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, einschließlich der Vervielfältigung, Veröffentlichung, Bearbeitung und Übersetzung, bleiben vorbehalten [NaturFamilie]. bindungsorientiert beziehungsorientiert, bedürfnisorientierte Erziehung, Kindererziehung, Attachment Parenting, unerzogen, Beziehung statt Erziehung, Elternkurs, Familienbegleitung, Familienberatung, Elterncoaching, Mamacoaching, Vätercoaching, Paarberatung
Definitionen und Unterschiede

Immer wieder taucht die Frage auf, was denn hinter den Begriffen bindungsorientiert, bedürfnisorientiert und beziehungsorientiert steckt. Ist das das Gleiche? Hat das was mit laissez faire zu tun? Was sind die Unterschiede?

Vorab: Ich mag Einordnungen, Stempel, Schubladen oder wie es noch genannt wird nicht und verwende auch ungern solche Begriffe, doch im täglichen Leben, in der Kommunikation und insbesondere im Austausch in den sozialen Netzwerken ist es wesentlich klarer und einfacher, wenn diese Zuordnungen existieren. Da es etliche verschiedene Auslegungen zu Erziehungsstile und insbesondere zur bindungs-, bedürfnis- und beziehungsorientierten „Erziehung“ gibt und häufig Verwechslungen bestehen, gehe ich in diesem Artikel darauf ein, was ich unter diesen Begrifflichkeiten verstehe.

Klassische Erziehung

Jeder von uns kennt sicher, wenn ein Kind „klassisch“ erzogen wird. Es bedeutet, dass das Kind von Erwachsenen (den Eltern, Großeltern, Pädagogen etc.) in eine bestimmte Richtung geformt wird, die diese als gut und richtig bewerten. Diese Formung wird meist durchgesetzt über verschiedene psychische und physische Maßnahmen, den Erziehungsmitteln wie bspw. Bewertungen, Strafen, Drohungen, „logische“ Konsequenzen und weitere. Vertrauen ins Kind, seine Kompetenzen und Fähigkeiten, ist kaum oder nicht vorhanden. Stattdessen ist die (Nach-) Kontrolle von großer Bedeutung. Der Wille oder Entscheidungen des Kindes werden überwiegend reguliert, abgelehnt oder teilweise auch ignoriert und die Autorität der Erwachsenen darf vom Kind nicht infrage gestellt werden. Aussagen wie: „Das muss eben so sein.“, „Da musst du jetzt durch.“, „Doch, das ist so, Punkt!“, „Das macht man so“ oder ähnliche sind Standard. Die Folgen dieses Kinderumgangs sind den Erziehenden meist nicht bewusst, sonst würden sie gewiss anders agieren.

Attachment Parenting oder auch bedürfnisorientierte Erziehung

Bedürfnisorientiert und bindungsorientiert wird häufig mit Attachment Parenting (AP) gleichgesetzt bzw. wird die bedürfnisorientierte oder auch bindungsorientierte „Erziehung“ als Übersetzung ins Deutsche für AP verwendet. Manche trennen AP bzw. bindungs- und bedürfnisorientiert voneinander und sehen bei der bedürfnisorientierten Erziehung ausschließlich die Bedürfnisse im Mittelpunkt und bei AP die Bindung zwischen Eltern und Kind (daher kommt die Übersetzung mit bindungsorientierter „Erziehung“). Im praktischen Handeln gibt es, meiner Meinung nach, kaum oder keine merklichen Unterschiede und auch umgangssprachlich werden AP bzw. bindungsorientierte sowie bedürfnisorientierte „Erziehung“ überwiegend nicht getrennt.

Wie bereits geschrieben, ist mit diesen Begriffen der bindungsorientierten Umgang mit Kindern ab Geburt gemeint. Das Ziel davon ist die gesunde Entwicklung von Kindern zu Erwachsenen durch eine sichere Beziehung zwischen mindestens einer Bezugsperson (überwiegend die Mutter) und dem Kind.

Die bedeutendsten Vertreter von AP sind der amerikanische Kinderarzt Dr. William Sears und seine Frau Martha, achtfache Eltern. Es gibt dazu sieben Grundpfeiler, auch Baby-Bs genannt (da im Englischen alle mit einem B anfangen).

Die 7 Baby-Bs
    • Birth Bonding: Bezeichnet den Körper- und Augenkontakt zwischen Mutter und Kind unmittelbar nach der Geburt
    • Breastfeeding: Stillen nach Bedarf
    • Babywearing: (Häufiges) Tragen des Kindes im Tragetuch oder einer Tragehilfe
    • Belief in Baby’s Cries: Signalwirkung vom Weinen des Kindes, das heißt, dass das Weinen ein Signal ist, was auf ein unerfülltes Bedürfnis hinweist und dieses Signal beachtet und darauf reagiert wird
    • Bed Sharing: Darunter wird das gemeinsame Schlafen von Mutter und Kind, auch Co-Sleeping genannt, verstanden
    • Balance and Boundaries: Die Balance der Bedürfnisse aller Familienmitglieder wahren und die eigenen Grenzen achten (dies wäre im Übrigen der Fokus von BO)
    • Beware of Baby Trainers: Vorsicht vor Babytrainern, sprich das Verzichten auf Schlaftrainings oder auch andere (Baby-) Training-Programme

Diese Grundpfeiler sind eher als Orientierung zu sehen und nicht als festes, dogmatisches Regelwerk. AP ist kein Programm, was stur umgesetzt werden soll, sondern die 7 Baby-Bs stellen Hilfsmittel dar für den Aufbau einer stabilen Eltern-Kind-Bindung. Welche dieser Bs und wie intensiv diese in den Alltag eingebaut werden, ist von Familie zu Familie unterschiedlich. Grundsätzlich gilt, dass die Bedürfnisse von Babys immer direkt gestillt und bei älteren Kindern die Bedürfnisse immer ernst genommen werden sollen. Das heißt, das Kind wird gesehen, es wird begleitet, unterstützt, hinter bestimmten Verhaltensweisen werden die Bedürfnisse wahrgenommen und Lösungen werden gesucht. All dies basiert auf einer Ebene aus Respekt und Verantwortungsbewusstsein.

Bei der bedürfnisorientierten Erziehung wird nicht, wie häufig fälschlicherweise angenommen, jeder Wunsch des Kindes erfüllt und es bedeutet auch nicht, dass die Eltern sich immer hinten anstellen. Es werden alle Bedürfnisse geachtet, auch die der Erwachsenen, wobei immer die Wertigkeit aller Bedürfnisse abgewogen wird. Selbstverständlich sollte sein, dass ein Neugeborenes schnellere und intensivere Reaktionen der Bindungsperson(en) benötigt als ein Kind im Schulalter und Kinder mit Behinderung eben auch andere Einfühlung brauchen als Kinder ohne Beeinträchtigung.

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Beziehungsorientierte „Erziehung“?

Beziehungsorientiert ist für mich und viele andere Mütter sowie Väter der weitere Schritt nach AP, bindungs- beziehungsweise bedürfnisorientiert. Lebe ich in Beziehung mit meinem Kind, dann lebe ich automatisch auch bedürfnisorientiert. Wiederum können Eltern mit ihren Kindern AP leben und trotzdem überwiegend klassisch erziehen (das nennt sich dann autoritative Erziehung). Zur beziehungsorientierten „Erziehung“ wird auch „Beziehung statt Erziehung“ gesagt, weil auf die klassische Erziehung verzichtet wird. Ich empfinde diesen Wortlaut allerdings unpassend, denn meiner Erfahrung nach führt dies häufig zu Missverständnissen in Gesprächen mit Menschen, die sich in dieser Thematik nicht auskennen. Zum einen fühlen sich einige, der damit konfrontierten Eltern, Großeltern, Pädagogen etc. häufig persönlich angegriffen und statt Interesse für neue Wege zu wecken, werden diese (vor-) verurteilt und auch abgelehnt. Zum anderen kann die Aussage: „Ich lebe mit meinen Kindern in Beziehung und erziehe nicht“ (oder ähnlich) dazu führen, dass mein Gegenüber diese Art des Kinderumgangs mit laissez faire gleichgesetzt, obwohl es das nicht ist.

Laissez faire heißt übersetzt „machen lassen“. Das Kind kann machen was es will, es gibt keine Grenzen und Regeln und kaum Kommunikation. Die Eltern haben eine gleichgültige Haltung dem Kind gegenüber, das heißt, das Interesse am Kind ist minimal. Nur, wenn das Kind es fordert oder wenn direkte Gefahr droht, schreiten die Eltern ein.

Bei der beziehungsorientierten „Erziehung“ wird auf klassische Erziehungsmittel, beispielsweise Machtausübung, Strafen, Loben, künstliche Grenzen und Konsequenzen usw. verzichtet. Im beziehungsorientierten Miteinander liegt der Fokus auf Begleitung, Respekt, Reflexion, Hinterfragung und Kommunikation. Die Wahrung der eigenen Grenzen, Authentizität und Ehrlichkeit sind weitere wichtige Punkte. Statt Fremdregulation überwiegt die Selbstregulation und -bestimmung.

Um beziehungsorientiert mit Kindern zu leben, braucht es Vertrauen, Geduld, Mut, Flexibilität und Kreativität. Denn damit es für alle Familienmitglieder passt, sind manchmal gerade unkonventionelle Lösungen gefragt.

Auf die Haltung kommt es an

Schlage ich „Erziehungsstil“ im Duden nach, wird dies mit „typisierte erzieherische Verhaltensweise“ erklärt. Diese entspringt der inneren Haltung heraus. Zu „Haltung“ finde ich im Duden folgendes: „innere [Grund]Einstellung, die jemandes Denken und Handeln prägt; Verhalten, Auftreten, das durch eine bestimmte innere Einstellung, Verfassung hervorgerufen wird“. Allein das erklärt, warum Erziehung verschieden ist, denn jeder Mensch hat eine eigene innere Einstellung gegenüber Kinder. Es kommt also auf die eigene Haltung an!

Trotz dieser Tatsache gibt es die Einteilung in verschiedene Erziehungsstile. Meiner Meinung nach ist eine konkrete Typisierung unnötig, denn die praktische Umsetzung ist von Familie zu Familie unterschiedlich. Beispielsweise gibt es Familien, in denen bedürfnis- und beziehungsorientiert aus der inneren Haltung heraus gelebt wird und die Bezeichnungen dafür nicht einmal bekannt sind (so ging es übrigens auch ursprünglich Chris und mir). Und es gibt andere Familien, in denen sich die Eltern schon mit den Themen befasst haben, ihnen die Begriffe auch vertraut sind, doch der Umgang mit den Kindern eher einer Abfolge von bestimmten Handlungen gleicht und es zu Aussagen wie diesen kommt: „Das haben wir ausprobiert und das funktioniert bei uns nicht.“ Und ja, diese Aussage stimmt, denn eine Haltung kann nie ausprobiert werden oder funktionieren. Entweder ich habe die innere Einstellung oder nicht.

Bei der beziehungsorientierten „Erziehung“ habe ich die Haltung gegenüber dem Kind, dass das Kind dem Erwachsenen gleichwürdig ist. Nur, weil der Erwachsene älter und größer ist, hat dieser nicht mehr Wert. Das heißt, ich sehe das Kind als Menschen, dem ich mit genau derselben Achtung gegenüberstehe wie einem Erwachsenen. Und Menschen nehme ich unabhängig ihres Alters, Geschlechts, Herkunft etc. in ihrer Individualität an, respektiere und toleriere die Andersartigkeit, höre zu, nehme die Bedürfnisse ernst und achte auf meine Sprache.

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Erziehung oder „Erziehung“?

Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich von Erziehung schreiben oder sprechen, ja generell diesen Begriff verwenden sollte oder nicht. Schließlich kenne ich einige Menschen, die AP und beziehungsorientiert mit ihren Kindern leben, den Begriff Erziehung mit Negativität in Verbindung bringen und deshalb ablehnen. Das finde ich völlig in Ordnung! Doch mir sind genauso Menschen bekannt, die das Wort Erziehung nicht ablehnen, nicht mit Negativem in Verbindung bringen (können oder wollen) und dennoch neue Wege suchen und gehen im Umgang mit ihren Kindern. Dies finde ich genauso in Ordnung!

Ich selbst bin gegenüber diesem Wort etwas zwiegespalten. Einerseits mag ich es nicht besonders, da es in meinen Ohren hart und kalt klingt. Doch andererseits gibt es erstens im deutschen Sprachraum für mich keine richtige Alternative dazu. Fällt dieses Wort, ist klar: Es geht um Kinder- bzw. Familienthemen. Und zweitens komme ich durch die Erklärung aus dem Duden zum Verb „erziehen“ zum Gedanken, dass jedes Kind „erzogen“ wird: „jemandes (besonders eines Kindes) Geist und Charakter bilden und seine Entwicklung fördern; zu einem bestimmten Verhalten anleiten“. Genau das mache ich zum Teil als Elternteil, Bezugsperson, Lernbegleiter/in etc. Ich lebe gewisse Verhaltensweisen und Werte vor und präge dadurch den Geist, Charakter, die Entwicklung und das Verhalten des Kindes. Das macht jeder Erwachsene, der mit Kinder zu tun hat, ganz automatisch.

Meine Entscheidung ist, dass ich den Begriff Erziehung nicht gänzlich aus meinem Wortschatz streiche, doch auch nicht stets verwende und, wo dies eben möglich ist, werde ich Umschreibungen suchen oder Anführungszeichen benutzen, um zu verdeutlichen, dass ich nicht die klassische Erziehung damit meine.

Das „Wie“ im erziehen

Letztendlich geht es meiner Meinung auch gar nicht so sehr darum wie die Erziehung betitelt wird, sondern für mich liegt der entscheidende Unterschied bei der Erziehung beim „Wie“ in der Umsetzung.

Wird klassisch erzogen, mit Druck, Zwang, bestimmten Leistungsnormen, bedingungsvoll usw.? Oder gehen die Eltern in Beziehung mit den Kindern, wird das Kind als gleichwürdiger Mensch angesehen und entsprechend gehandelt ihm gegenüber?

Mir ist klar, dass eigentlich (denn es gibt leider Ausnahmen) jede Mutter/jeder Vater das Beste will für ihr/sein Kind ihre/seine Kinder. Viele Eltern wünschen sich auch, dass ihr Kind sich zu einem glücklichen, erfolgreichen, sozialen Erwachsenen entwickelt. Die „Erziehung“, der Umgang mit Kinder von klein auf trägt einen erheblichen Teil mit dazu bei. Kinder, die bewusst ins Leben begleitet werden, deren Eltern-Kind-Bindung und -Beziehung stabil und von Qualität sind, lernen (unter vielen anderen positiven Aspekten) sich bereits frühzeitig selbst kennen und dass sie so akzeptiert und geliebt werden, wie sie sind. Sie tragen von klein an das Urvertrauen und die Selbstliebe in sich. Und diese Faktoren bilden das Fundament eines glücklichen, zufriedenen und erfolgreichen Lebens.

Kinder sind gut so, wie sie sind – von Anfang an! Sie müssen sich nicht verbiegen, verformen. Und sie brauchen Erwachsene, die diese innere Einstellung leben.

 

 

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Wie sieht Erziehung bei dir aus? Klassisch, in Beziehung oder ganz anders? Magst du dich überhaupt irgendwo „einordnen“? Und kannst du dich mit meiner Sicht- und Denkweise identifizieren?

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